Vor Beginn der unternehmensgeschichtlichen Aufarbeitung sollte ein genaues Abstecken der zur Verfügung stehenden Quellenbasis stehen: Wie umfangreich ist das eigene Firmenarchiv? Wo lassen sich im Unternehmen weitere Informationen zur eigenen Geschichte finden? Welche externen Anlaufstellen gibt es? Welche Zeitzeugen können interviewt werden? Welche Veröffentlichungen sind bereits zur Firmengeschichte erschienen? Die Antworten auf diese Fragen sorgen für mehr Klarheit über den erforderlichen Rechercheaufwand und die weitere Vorgehensweise.

Praxis-Ratgeber Geschichtsmarketing, Marvin Brendel
Diese und weitere Tipps & Hinweise gibt’s auch als kleines Booklet: „Praxis-Ratgeber Geschichtsmarketing“ (Mehr…)

Grundsätzlich lässt sich die Quellenbasis in interne und externe Quellen unterteilen. Zu den internen Quellen zählt vor allem das klassische Firmenarchiv. Im besten Fall sind die dort lagernden Archivalien in Findmitteln erfasst, ein (haupt- oder nebenberuflicher) Firmenarchivar kann weitere Auskünfte dazu geben und es existieren innerhalb des Unternehmens klare Regelungen, welche Abteilung welche Materialien in welchen Zeitabschnitten an das Firmenarchiv abzugeben hat.

Wenn das eigene Firmenarchiv fehlt…

Doch erfahrungsgemäß findet sich gerade in vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen oftmals kein explizites Firmenarchiv. Die Gründe hierfür sind vielfältig: sie reichen von Zerstörungen durch Krieg, Brände oder Wasserschäden über Entsorgungsmaßnahmen nach Wechseln in der Führungsetage bis hin zu (undurchdachten) „Aufräumaktionen“ im Zuge von Fusionen, Umzügen oder Filialumbauten. Unter der Bezeichnung „Firmenarchiv“ versteht man in diesen Unternehmen meist nur noch eine nicht näher erschlossene, eher zufällig erfolgte Anhäufung verschiedener historischer Dokumente und anderer Materialien, die im Keller oder auf dem Dachboden auf ihre Wiederentdeckung warten.

In solchen Fällen hilft eine gezielte Suche in den einzelnen Abteilungen nach Unterlagen zur Firmengeschichte. Dabei finden sich beispielsweise:

  • in der Vorstandsetage alte Strategieplanungen und Grundsatzentscheidungen zur Firmenentwicklung,
  • in der Revisionsabteilung Fusions- und Übernahmedokumente bzw. Auszüge aus dem Gewerberegister,
  • in der Abteilung Organisation/IT alte Strukturpläne, Angaben zur (baulichen) Entwicklung einzelner Standorte oder Maßnahmepläne für besondere Ereignisse (z.B. zur Umsetzung bestimmter Prozesse oder Einführung neuer Technologien) sowie
  • in der Abteilung Marketing/PR alte Geschäftsberichte, die Sammlung eigener Pressemeldungen und von Presseartikeln zum Unternehmen und der Branche allgemein sowie eventuell noch eine frühere Festschrift/Chronik.

Als interne Quellen lassen sich zudem auch ältere bzw. ehemalige Mitarbeiter bezeichnen, die zu ihren Erinnerungen befragt werden können. Die so gesammelten Informationen eignen sich allerdings meist nur zur Rekonstruktion der jüngeren Vergangenheit.

Externe Quellen zur Firmengeschichte

Für länger zurückliegende Ereignisse ist bei fehlenden eigenen Überlieferungen der Blick in externe Archive notwendig. Als mögliche Anlaufstellen bei der historischen Recherche empfehlen sich dazu unter anderem:

  • Stadt- und Kreisarchive (z.B. alte Adress- und Telefonbücher, historische Zeitungen, Akten der kommunalen Wirtschaftsverwaltung)
  • Bauarchive (Grundstücksakten über frühere und aktuelle Firmensitze)
  • regionale Staats-, Landes- und Wirtschaftsarchive, Amtsgerichte (Gewerberegisterakten) sowie das Bundesarchiv
  • Archive von Branchenverbänden u.ä. (z.B. dort archivierte Jahresabschlüsse oder Mitgliedermagazine
  • Archive von (früheren/langjährigen) Kunden bzw. Zulieferern
  • Bibliotheken (Sekundärquellen zur Regionalgeschichte, zur Branchenentwicklung und auch der Geschichte von Konkurrenzunternehmen)
  • (Online-)Antiquariate und Internetauktionen (z.B. frühere Chroniken, Produktkataloge bzw. auch entsprechende Überlieferungen von Konkurrenten)
  • regionale Museen und Gedenkstätten, Informationszentren
  • Heimatvereine/Geschichtszirkel, private Archive von Ortschronisten
  • Erinnerungen und private Überlieferungen langjähriger/ehemaliger Mitarbeiter

Auf welche Herausforderungen man bei der Recherche in in- und externen Archiven stoßen kann, werde ich in einem separaten Artikel thematisieren. Abschließend noch ein grundsätzlicher Tipp zur…

Quellenkritik

Bei allen Recherchen sollte immer eine grundlegende kritische Distanz gegenüber den verschiedenen Quellen gewahrt werden. Dazu gehören einige beständig wiederkehrende Fragen, wie: Wer ist der Urheber einer Information und zu welchem Zweck und in welchem Zusammenhang ist sie entstanden? Klingen die Behauptungen in einer Quelle plausibel? Passen sie zu den bisherigen Erkenntnissen? Lassen sich Fakten durch zwei voneinander unabhängige Quellen bestätigen? (Das Thema ist vermutlich auch noch mal einen eigenen Artikel wert…)

Mehr zum Thema: „Geschichtsmarketing-Leitfaden“ (Übersichtsseite)


(Ende) geschichtskombinat.de/12.09.2011/mar

Geschichtsaufarbeitung: Eingrenzung der Quellenbasis